Testaments­anfechtung wegen Demenz: Wann ist ein Testament unwirksam?

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Das Wichtigste in Kürze

Wenn nach dem Tod eines Angehörigen ein Testament auftaucht, das inhaltlich überrascht oder mit früheren mündlichen Aussagen des Verstorbenen nicht zusammenpasst, stellt sich für viele Familien schnell die Frage: War der Erblasser zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch in der Lage, wirksam zu testieren? Besonders wenn eine Demenzerkrankung bekannt war, lohnt sich ein genauer Blick auf die rechtlichen Voraussetzungen. Als Kanzlei für Erbrecht in Saarbrücken prüfen wir für unsere Mandanten regelmäßig, ob ein Testament wegen fehlender Testierfähigkeit tatsächlich angreifbar ist.

Was bedeutet Testamentsanfechtung wegen Demenz eigentlich?

Umgangssprachlich spricht man von einer „Testamentsanfechtung wegen Demenz“, wenn Angehörige die Gültigkeit eines Testaments infrage stellen, weil der Erblasser bei dessen Errichtung an einer Demenzerkrankung litt. Rechtlich verbirgt sich dahinter in aller Regel keine klassische Anfechtung im technischen Sinne, sondern die Frage der Testierfähigkeit nach § 2229 BGB. Das ist ein wichtiger Unterschied, auf den wir im nächsten Abschnitt genauer eingehen.

Testierfähigkeit nach § 2229 BGB: Wann fehlt sie bei Demenz?

Nach § 2229 Abs. 4 BGB kann ein Testament nicht errichten, wer wegen einer krankhaften Störung der Geistestätigkeit, wegen Geistesschwäche oder wegen einer Bewusstseinsstörung nicht in der Lage ist, die Bedeutung seiner Willenserklärung einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Eine Demenzerkrankung kann eine solche krankhafte Störung der Geistestätigkeit darstellen. Entscheidend ist dabei ausschließlich der geistige Zustand des Erblassers im Moment der Testamentserrichtung, nicht die Diagnose an sich und nicht der Krankheitsverlauf davor oder danach.

Reicht die Diagnose Demenz allein für die Unwirksamkeit aus?

Nein. Die bloße ärztliche Feststellung einer Demenzerkrankung führt nicht automatisch zur Testierunfähigkeit. Demenz verläuft in Stadien, und selbst bei fortgeschrittener Erkrankung kann es sogenannte lichte Momente geben, in denen der Erblasser trotz seiner Grunderkrankung klar denken und seinen Willen frei bilden kann. Ein in einem solchen lichten Moment errichtetes Testament ist grundsätzlich wirksam, auch wenn dessen Nachweis im Streitfall naturgemäß schwierig ist. Umgekehrt gilt: Wurde einem Erblasser ein fremder Wille lediglich in die Feder diktiert, ohne dass er den Inhalt selbst reflektieren konnte, fehlt es an der erforderlichen Testierfähigkeit, unabhängig davon, wie die Erkrankung im Übrigen einzustufen ist.

Ist das rechtlich wirklich eine Anfechtung?

Hier lohnt sich Präzision, weil sie für die praktische Vorgehensweise wichtig ist. Die eigentliche Anfechtung eines Testaments ist in den §§ 2078 ff. BGB geregelt und betrifft Fälle wie Irrtum, Drohung oder die Übergehung eines Pflichtteilsberechtigten. War der Erblasser dagegen bei der Testamentserrichtung testierunfähig, ist das Testament von Anfang an nichtig und nicht lediglich anfechtbar. Eine förmliche Anfechtungserklärung im Sinne der §§ 2078 ff. BGB ist für die Berufung auf Testierunfähigkeit nicht erforderlich. Die Nichtigkeit wegen Testierunfähigkeit kann sowohl im Erbscheinsverfahren vor dem Nachlassgericht als auch in einem Zivilprozess, etwa einer Erbenfeststellungsklage, geltend gemacht werden.

Wer muss die Testierunfähigkeit beweisen?

Das Gesetz geht im Grundsatz davon aus, dass jeder Mensch testierfähig ist. Wer sich auf die Testierunfähigkeit des Erblassers beruft, trägt hierfür die Beweislast im Zivilprozess beziehungsweise im Erbscheinsverfahren die entsprechende Feststellungslast, wobei dem Nachlassgericht dort die Amtsermittlungspflicht zugutekommt. Wer also ein Testament wegen Demenz für unwirksam hält, muss diese Behauptung belegen, nicht der Begünstigte des Testaments seine Wirksamkeit.

Wie wird die Testierunfähigkeit im Streitfall festgestellt?

Da es um den geistigen Zustand zu einem in der Vergangenheit liegenden Zeitpunkt geht, sind direkte Beweise selten. In der Praxis stützen sich Gerichte regelmäßig auf mehrere Quellen: ärztliche Unterlagen und Krankenakten aus der Zeit der Testamentserrichtung, Aussagen von Zeugen wie Angehörigen, Betreuern, Pflegepersonal oder dem beurkundenden Notar, sowie ein medizinisches Sachverständigengutachten, das rückblickend die Frage der Testierfähigkeit anhand aller vorliegenden Unterlagen bewertet. Nach überwiegender Auffassung kann sich der behandelnde Arzt in einem solchen Verfahren nicht auf seine ärztliche Schweigepflicht gegenüber dem verstorbenen Patienten berufen. Auch der Umstand, ob und wie das Testament notariell beurkundet wurde, spielt eine Rolle: Ein Notar hält in der Regel seinen persönlichen Eindruck zur Testierfähigkeit fest, dieser Eindruck ersetzt aber keine medizinische Einschätzung und ist im Streitfall lediglich ein Indiz von mehreren.

Was gilt bei einem gemeinschaftlichen Testament, wenn nur ein Ehepartner an Demenz erkrankt ist?

Bei einem gemeinschaftlichen Testament, etwa einem Berliner Testament, stellt sich häufig die zusätzliche Frage, ob der noch gesunde Ehepartner seine Verfügung widerrufen kann, wenn der andere Ehepartner zwischenzeitlich testierunfähig geworden ist. Wechselbezügliche Verfügungen in einem gemeinschaftlichen Testament sind grundsätzlich bindend. Ein Widerruf zu Lebzeiten beider Ehepartner ist nur unter Einhaltung der gesetzlichen Formvorschriften möglich, insbesondere bedarf die Widerrufserklärung der notariellen Form und muss dem anderen Ehepartner beziehungsweise dessen Betreuer zugehen.

Welche Fristen sind zu beachten?

Da die Berufung auf Testierunfähigkeit keine Anfechtung im technischen Sinne ist, gilt hierfür auch nicht die einjährige Anfechtungsfrist des § 2082 BGB. Diese Frist betrifft ausschließlich die Anfechtung nach §§ 2078, 2079 BGB, etwa wegen Irrtums oder Drohung. Wer die Nichtigkeit eines Testaments wegen Testierunfähigkeit geltend machen möchte, ist daher nicht an die Jahresfrist gebunden und kann dies grundsätzlich auch noch nach Erteilung eines Erbscheins vor dem Zivilgericht vorbringen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Zuwarten empfehlenswert ist: Je länger die Testamentserrichtung zurückliegt, desto schwerer wird es in der Praxis, Zeugen zu befragen und aussagekräftige medizinische Unterlagen zu beschaffen.

Was sollten Angehörige jetzt konkret tun?

Wer Zweifel an der Testierfähigkeit eines verstorbenen Angehörigen hat, sollte zunächst alle verfügbaren Unterlagen sichern: Arztberichte, Betreuungsunterlagen, Pflegedokumentation und Aussagen von Personen, die den Erblasser rund um die Testamentserrichtung erlebt haben. Parallel dazu empfiehlt sich eine frühzeitige anwaltliche Einschätzung, ob im konkreten Fall tatsächlich hinreichende Anhaltspunkte für eine Testierunfähigkeit vorliegen und wie diese am besten in einem Erbscheinsverfahren oder einer Erbenfeststellungsklage vorgebracht werden.

Fazit

Eine Testamentsanfechtung wegen Demenz ist rechtlich gesehen meist eine Frage der Testierfähigkeit nach § 2229 BGB, nicht eine klassische Anfechtung. Die bloße Diagnose reicht nicht aus, entscheidend ist der geistige Zustand im Zeitpunkt der Testamentserrichtung, und die Beweislast liegt bei demjenigen, der die Testierunfähigkeit behauptet. Weil die Beweisführung rückblickend oft schwierig ist, lohnt sich eine frühzeitige und sorgfältige Prüfung. Nehmen Sie Kontakt zu unserer Kanzlei auf, damit wir gemeinsam klären, ob im Fall Ihres Angehörigen ausreichende Anhaltspunkte für eine Testierunfähigkeit vorliegen und welche Schritte sinnvoll sind.

Häufig gestellte Fragen zur Testaments­anfechtung wegen Demenz

Kann ein Testament auto­matisch unwirksam sein, wenn eine Demenz­diagnose vorliegt?

Nein. Die Diagnose allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob der Erblasser im konkreten Moment der Testamentserrichtung die Bedeutung seiner Erklärung erfassen und danach handeln konnte.

Nein. Die Einschätzung des Notars zur Testierfähigkeit ist ein Indiz, aber keine bindende Feststellung. Auch ein notariell beurkundetes Testament kann im Streitfall wegen Testierunfähigkeit für nichtig erklärt werden.

Ein lichter Moment ist eine Phase, in der ein sonst erkrankter Erblasser vorübergehend wieder klar denken und seinen Willen frei bilden kann. Ein in einem solchen Moment errichtetes Testament ist grundsätzlich wirksam, sofern sich dies im Streitfall nachweisen lässt.

Grundsätzlich derjenige, der die Testierunfähigkeit behauptet. Da das Gesetz die Testierfähigkeit vermutet, muss die Ausnahme bewiesen beziehungsweise im Erbscheinsverfahren durch das Nachlassgericht festgestellt werden.

Nein. Testierunfähigkeit führt zur Nichtigkeit des Testaments, nicht zur bloßen Anfechtbarkeit. Eine förmliche Anfechtungserklärung nach §§ 2078 ff. BGB ist hierfür nicht erforderlich.

Nein, diese Frist betrifft nur die Anfechtung wegen Irrtums, Drohung oder Übergehung eines Pflichtteilsberechtigten. Die Nichtigkeit wegen Testierunfähigkeit kann grundsätzlich zeitlich unabhängig davon geltend gemacht werden.

Nein, ein eigenständiges Verfahren hierfür existiert zu Lebzeiten des Erblassers nicht. Die Frage der Testierfähigkeit wird erst nach dem Erbfall relevant und dann geprüft.

Eine gerichtlich angeordnete Betreuung führt nicht automatisch zur Testierunfähigkeit. Beide Fragen sind rechtlich getrennt zu beurteilen und richten sich nach unterschiedlichen Maßstäben.

Häufig helfen zeitnahe ärztliche Dokumentationen, Zeugenaussagen zum Verhalten des Erblassers am fraglichen Tag und die Einschätzung eines Sachverständigen, der den Krankheitsverlauf und die Umstände der Testamentserrichtung rückblickend bewertet.

Das hängt stark vom Einzelfall ab, insbesondere von der Verfügbarkeit medizinischer Unterlagen und der Notwendigkeit eines Sachverständigengutachtens. Solche Verfahren können sich über mehrere Monate bis Jahre hinziehen.

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